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Nachts in Hannover

 

Nachts sind alle Katzen grau. Und tagsüber? Ist es die eigene Stadt. Zumindest, wenn diese solch eine ganz „normale“ oder vermeintlich normale wie Hannover ist. 514.000 Einwohner, die Bahlsenwerke, „die Conti“, Nutzfahrzeuge, Verwaltung – und die Hochschule. An der sind die Journalistik-Studenten in der Minderzahl. Was nicht heißt, dass sie nicht auffallen. Aber es verläuft sich, wie so vieles. Die neuen Studienordnungen nach der sogenannten Bologna-Reform haben zu mehr Effizienz im Studium, aber auch zu Verengung und Vereinzelung geführt. Nicht nach rechts und links schauen, heißt die unausgesprochene Devise – nur durchkommen! Gegen diese Tendenz haben im Sommersemester 2015 rund 50 Studierende aus den Abteilungen für Fotojournalismus und Journalistik zusammengearbeitet. Noch recht neu im Studium – die Bildjournalisten – und kurz vor dem Abschluss – die Kulturjournalisten. Letztere hatten mit den klassischen Kulturthemen gerechnet, mit einem beschaulichen Stelldichein im Museum. Aber das Thema „Wohnen in Hannover“, das die Bildleute vorgaben, entpuppte sich als wahre Herausforderung: Wie groß ist die Spannbreite des Wohnens in der nur vermeintlich vertrauten Stadt? Wir erkundeten zunächst die Extreme: Den billigen Discounter, das heruntergekommene, ehemalige Bürgerzentrum und die Möbel-Kathedrale im Zentrum, wo kein Stäubchen auf den italienischen Ledermöbeln liegt. Fremdes Zuhause kann einschüchtern, stellten wir fest, manche Einrichtung dient womöglich genau diesem Zweck. Sich einrichten heißt sich darstellen – aber wer zeigt sich wirklich in seinen vier -Wänden? Was kostet es, die Selbstoptimierung aufzugeben? Und was ist noch wirklich privat? Die Studentinnen und Studenten sammelten Bilder, Eindrücke, Geschichten. Die Fotostudierenden waren schon seit einem halben Jahr dabei und hatten nun einen gewissen Vorteil, einen Vertrauensvorschuss bei den Leuten. Den gaben sie nur zögernd weiter. Die Wortjournalisten beeilten sich, hinterherzukommen. Sie recherchierten die Geschichten nach, stellten Fragen. Das war nicht immer angenehm, auch für die Fotostudenten nicht, die ja die Türen geöffnet hatten. Wäre man hereingekommen, zum Mann mit der Ziege, zu den Schrebergarten-Frauen, zum Bauwagen-Mann, wenn sofort viele Fragen gestellt worden wären? Die Fotostudenten erlebten, dass man nicht gleich rausfliegt, wenn man nachbohrt. Sie ließen sich überzeugen, dass kritische Nachfragen keine „bösen“ Fragen sind, sondern die gesamte Persönlichkeit eines Menschen in den Blick nehmen wollen. Die Wortjournalisten lernten, dass gutes Benehmen und Eloquenz nicht alles ist: Manchmal ist es gut, einfach nur „da zu sein“ und Zeit mitzubringen. Beide Seiten überwanden Vorurteile: Die schick gekleidete Wortjournalistin kletterte klaglos über Mauern und Zäune, um die Hausbesetzer zu befragen. Der freakige Fotojournalist, als Einzelkämpfer mit reichlich Erfahrungen bis nach Südamerika unterwegs, stellte verblüfft fest, dass seine vermeintlich brave Kommilitonin mit viel Empathie am gemeinschaftlichen Artikel arbeitete. Auf einander warten und einander zuhören, sich respektieren und den nötigen Freiraum lassen, verlässlich sein, dabei den eigenen Prinzipien und denen der „Zunft“ folgen – all das übten die Studierenden. Sie teilten die Verzweiflung, wenn jemand erst, vermeintlich offen, einem Interview zugestimmt hatte, um dann kurzfristig abzusagen. Journalistenalltag! Und so ganz nebenbei wurde auch die vermeintlich graue, vermeintlich durchschnittliche Stadt Hannover auf ungewohnte Weise lebendig: Was ist hier alles los! Wie viel Extremen bietet diese Stadt auf unaufgeregte Weise einen Raum! „Hausen“ will genau das vorstellen: die vielfältigen Möglichkeiten zu leben – und miteinander zu arbeiten.

Das gedruckte Magazin „Hausen“ ist bei Katharina Lemke, katharina.lemke@hs-hannover.de, erhältlich.