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Nachts in Hannover

 

„Ich muss eine Nacht drüber schlafen“, – sagen vernünftige Menschen, bevor sie wichtige Entscheidungen treffen. Nächte verändern alles. Nächte verschaffen Ruhe, verschaffen Zeit – gleichzeitig sehen Dinge und Erfahrungen „im Lichte der Nacht“ völlig anders aus. Hannover ist eine ganz normale, mittlere Großstadt im Norden Deutschlands. Ob sie sich nachts auch verändert? Ob andere Dinge sichtbar werden? Das wollten Studentinnen und Studenten der Hochschule Hannover wissen. Die angehenden Journalisten und Fotografen machten sich in Teams auf den Weg, sozusagen „im Schutze“ der Dunkelheit. Die entstandenen Arbeiten zeigen die gewöhnliche Stadt auf ungewöhnliche Weise.

Vielleicht hilft ja Johanniskraut? Die alten Germanen jedenfalls setzten Hypericum perforatum als Heilmittel gegen die Dunkelheit ein. Mit ätherischen Ölen gegen die Finsternis? Wohl kaum. Die Pflanze leuchtet zwar golden wie eine bestens gelaunte Junisonne – sie vermag aber nicht, den Nachthimmel zu erhellen. Noch heute allerdings wird Johanniskraut gegen die innere Dunkelheit, gegen Depressionen und Schlafstörungen eingesetzt, denn es wirkt stimmungsaufhellend und gleichzeitig beruhigend. Interessanterweise ruft es aber bei längerem Gebrauch eine Überempfindlichkeit gegen die Sonne hervor.

Während die Kelten von der Angst verfolgt wurden, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnten, fürchteten die alten Germanen nichts mehr als die Dunkelheit. Eine Dorfgemeinschaft war in der Nacht besonderen Gefahren ausgesetzt: Menschliche Feinde, Raubtiere  gingen um – und die vielen mythischen Wesen, allen voran der Fendriswolf, ein gefräßiges Biest, das Hexen tragen konnte und sich allmählich von einem einfachen Tier des Waldes in ein immer weiter wachsendes, gefräßiges Monster verwandelte. Mit dem Licht, so dachten die Germanen, verschlänge das Ungeheuer sie auch selbst …  Das Christentum übernahm von ihnen listig das ursprünglich am 25. Dezember gefeierte Fest der Wintersonnenwende, seither ist Christus die wahre Sonne, obwohl befürchtet werden muss, ein durchgeknallter Santa Claus mit Rentier-Zombie-Gefolge überschreibe mit penetranten Harmonny-Songs erfolgreich die Phantasien der Menschen, die nunmehr Clients oder User heißen.

Im 21. Jahrhundert hat die Nacht nichts Bedrohliches mehr. Und kein Mensch trägt Johanniskraut mit sich herum. Die Wachmacher von heute heißen Energy-Drink oder Power-Smoothie, Amazon-Serie oder Amphies im Darkroom – je nach Temperament und Neigung. Freilich: Diese Mittel beruhigen nicht. Sie regen eher auf. Und so sind unsere Annäherungen an Nächte fiebrig, nervös, gekennzeichnet von  Unsicherheit und, ja, manchmal auch Angst. Gegen die versuchen wir es mit Posing; was ein Streetstyle taugt, zeigt sich erst zwischen Mitternacht und vier Uhr früh, wenn man allein durch gleißend gähnende U-Bahnhöfe geht: Nie ist es dunkler als in grell ausgeleuchteten Unterführungen.

Junge Frauen und Männer aus den Studiengängen Journalistik und Fotojournalismus haben sich aus der Hochschule an der Expo Plaza getrollt und die Nächte Hannovers erobert. Johanniskraut hatten sie nicht im Gepäck, und, so weit wir es wissen, haben sie auch keine Wölfe getroffen. Adfür überraschend viele Menschen, die nachts einfach etwas zu tun haben, die ihrem Job als Taxifahrer, Pfleger, Wärter nachgehen; Menschen, die schlaflos sind, weil sie die Ruhe fürchten, Menschen, die nur nachts arbeiten können, weil sie einem anderen Biorhythmus folgen, Menschen, die fasziniert sind von der Dunkelheit und Menschen, die sich in ihr verlieren.

Die Portraits, Reportagen und Interviews sind im Laufe des Jahres 2016 entstanden. Wir haben die Nacht zum Tage gemacht. Zum Fürchten war es nie.