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Zwei magische Reise(n)

Der Schein einer Kerze spiegelt sich in dem kleinen See, der keinen Namen trägt. Dennis und Dominik Reise verneigen sich, ihre leisen Worte klingen durch die Nacht: „Ich rufe und beschwöre euch, ihr Mächte des Ostens. Kommt zu uns in unseren Kreis!“

Das Ehepaar Reise gehört der religiösen Strömung Wicca an, einer Naturreligion aus England, die neben dem Glauben an alte Gottheiten auch mit Magie, Hexerei und Willenskraft arbeitet.

 

Die rostrote Robe flattert in der Brise. Sanfter Feuerschein spiegelt sich in dem kleinen See, der keinen Namen trägt. Die Sonne verschwindet langsam hinter dem Horizont und nimmt die Wärme des Tages mit sich. Der schwere Duft von Salbei hängt in der Luft. Dominik Reise macht einen Schritt gen Osten, verneigt sich, raunt Worte, die für Ohren bestimmt sind, die nicht von dieser Welt sind. „Ich rufe und beschwöre euch, Ihr Mächte des Ostens. Kräfte der Luft, der Fantasie, der Kommunikation, der Kreativität und Spontanität. Kommt zu uns, diesen Kreis zu beschützen und uns an euren Gaben teilhaben zu lassen. Seid Willkommen!“ Ein Teelicht flammt auf. Dominiks Ehemann Dennis steht hinter ihm, hebt langsam die Hände an die Brust und wiederholt die Worte: „Seid Willkommen.“

Dennis und Dominik Reise machen sich auf den Weg zum ersten Ritualplatz am See.

Die Wohnung von Dennis und Dominik Reise ist aufgeräumt. Holzfiguren schmücken die Regale, mystische Bilder mit verschlungenen Formen zieren die Wände. Die zwei Männer sitzen nebeneinander auf dem roten Sofa. Unzählige DVDs der Hexen-Serie „Charmed“ füllen das deckenhohe Bücherregal neben ihnen, ein kleiner Holzpenis steht dazwischen. Die beiden bilden ein ungleiches Paar. Der eine klein und schmächtig mit spitz gegelten Haaren. Der andere breit gebaut, mit einer tiefen Stimme und einer modernen Pfeife in der Hand. „Wicca ist nicht anders als jede andere Religion auch. Es ist eben Alltag“, erklärt Dennis. Dabei klingt Wicca zunächst mehr nach Hexen und verrückten Esoterikern. Die Naturreligion verehrt alte Gottheiten und vertraut auf eine Mischung aus Magie, Glauben und Willenskraft. Im Gegensatz zu vielen Weltreligionen bitten die Anhänger dabei nicht im Gebet höhere Wesen darum etwas zu verändern, sondern wollen selbst etwas tun. Bei den magischen Ritualen, die in ihrem festen Ab-lauf mit einem Gottesdienst vergleichbar sind, werden neben den eigenen Kräften außermenschliche Energien aufgewendet, um innere Einstellungen zu verändern oder äußere Dinge zu beeinflussen.

Dennis erklärt: „Das funktioniert über Selbsthypnose, Selbstkonditionierung. Manchmal auch die Arbeit mit Tarot-Karten oder Meditation, die Kommunikation mit dem eigenen Unterbewusstsein“. Neben der Magie soll auch der Glaube an Gott und Göttin etwas ausrichten. Dabei vermischen sich Einflüsse verschiedener Kulturkreise: Gottheiten der altgriechischen und keltischen Mythologie treffen auf nordische und vorchristliche Kräfte. An wen genau man sich richtet ist Geschmackssache: „Alle Götter sind ein Gott, alle Göttinnen sind eine Göttin. Sie sind Archetypen eines Großen und Ganzen. Nur um das für den allgemeinen Menschenverstand fassbar zu machen, wurden sie in verschiedene Kategorien aufgeteilt“, da ist Dennis sich sicher.

Dominik lehnt sich zurück. Die beiden Männern spielen sich die Antworten wie Ping- Pong-Bälle zu. Dennis stockt manchmal, Dominik formuliert druckreif. Erst als er über seine Sexualität redet, legt Dominik die Pfeife beiseite. In dieser Bipolarität zwischen Gott und Göttin, männlich und weiblich, fällt es manchmal schwer als homosexuelles Ehepaar anerkannt zu werden. Einige Gruppen schließen Schwule und Lesben kategorisch aus, da diese die Fruchtbarkeit des Naturzyklus nicht nachvollziehen könnten. Dominiks Worte dazu sind sehr deutlich: „Ich lebe nicht für meine Religion. Wenn, dann muss meine Religion für mich leben“. In seiner Kindheit wurde Dominik streng katholisch erzogen: Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte er jeden Sonntag die Messe. „Ich hatte damals tierische Angst, meinen eigentlichen Glauben meiner Oma zu gestehen. Aber die meinte nur: Kind, mir ist egal, woran du glaubst. Das Wichtigste ist, du glaubst an irgendetwas’“.

Vor jedem Ritual braucht Dennis Zeit für sich. Während sein Ehemann Dominik den Ritualraum vorbereitet, geht er am liebsten zum Meditieren in den Wald.

„Wicca ist nicht anders als jede andere Religion auch. Es ist eben Alltag.“

Dominik lächelt angesichts der Erinnerung. Heute vertritt er eine eindeutige Einstellung: „Es ist essentiell wichtig, einen Glauben zu haben, bei dem ich anerkannt bin, so wie ich bin. Und für den muss ich mich nicht verstecken.“ In seinen Worten schwingt Kritik an vielen Wicca-Anhängern mit, die ihre Religion geheim halten, weil das Hexentum familiär oder beruflich nicht akzeptiert wird. Dominik streicht über seine silberne Kette mit dem Mondhasen-Anhänger, die auch sein Mann trägt. Ein Zeichen von Zugehörigkeit und Vertrauen. „In Deutschland sind etwa 300 Leute initiiert, eventuell auch mehr“, schätzt Dennis. Zahlen sind heikel bei einer Religion, deren Eid Verschwiegenheit garantiert. Ein Vor- und ein Nachteil, so Dominik. „Durch den Verschwiegenheitseid bei der Initiation weiß die eine Hexe nicht, wo die andere wohnt“. Durch die fehlende Vernetzung existieren aber auch kaum verpflichtende Regelauslegungen. „Ich bin weder berechtigt noch befugt, anderen Leuten zu sagen, was sie zu glauben haben“, sagt Dennis mit festem Blick. „Die Natur, und damit Wicca, ist kein Buch, da kann man nicht alles nachlesen“, ergänzt ihn sein Mann. Dann nimmt Dominik die Pfeife wieder auf und zieht langsam daran.

Vor jedem Ritual braucht Dennis Zeit für sich. Während sein Ehemann Dominik den Ritualraum vorbereitet, geht er am liebsten zum Meditieren in den Wald.

„Ich lebe nicht für meine Religion. Wenn, dann muss meine Religion für mich leben.“

Wenn der ganze Zauber vorbei ist, genießen die Beiden den Abend zu Zweit.

In ihrer Wohnung haben Dennis und Dominik einen Raum ganz ihrer Religion gewidmet. Dort finden Rituale und Treffen mit Gleichgesinnten statt

Draußen ist es dunkel geworden, die Natur schweigt für einen Moment. „Mächte des Ostens und der Luft, Dank euch für euren Schutz und Anwesenheit bei unserem Ritual. Geht, wenn ihr müsst, bleibt, wenn ihr wollt. Bis zum nächsten Mal!“ Die letzte Kerze erlischt, ein sanfter Kuss beendet das Ritual. Dennis und Dominik Reise fassen sich an den Händen, dann tönen ihre Rufe laut und befreit in den dunklen Himmel: „Der Kreis ist nun offen, aber ungebrochen. Freudig wir kamen, freudig wir gehen, freudig wir uns wiedersehen!“

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