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Vom STAR zur RUINE

Bedrohlich ragt die mit Graffti übersäte Ruine zum Himmel auf. Das Klappern von Stahlseilen dringt bis zur Straße hinunter. Die untergehende Sonne zeichnet wirre Schatten in die einzelnen Stockwerke. Imposant erheben sich die Überreste der größten Attraktion der Expo 2000: Der holländische Pavillon. Während der Weltausstellung war er mit rund 3 Millionen Besuchern das beliebteste Exponat. Heute gleichen die gestapelten Landschaften eher einem Haufen Schrott. Aber einem Haufen Schrott mit Geschichte. Rostende Metalltreppen ranken sich an drei Seiten aufwärts bis zum Dach des alten Holländers. Bei jedem Schritt scheppern die Stufen, einige quietschen. Der Wind jagt durch die offenen Ebenen des Gebäudes. Wind, Wetter und Vandalismus sind dem Pavillon an die Substanz gegangen. Putz und Farbe bröckeln. Den neuen Anstrich bilden zahlreiche Graffiti.

Auf dem Dach angekommen türmen sich zur Begrüßung dreckige weiße Plastiksäcke und verkohlte Balken.
„Verzeihung. Es ist unordentlich hier. So war es damals nicht.“, flüstert der Holländer durch den Wind. „Früher gab es hier oben Windräder und Wasserflächen, die in der Sonne geglitzert haben. Aber schau dich mal um, hier ist nur die schöne Aussicht geblieben.“ Er will seine Geschichte erzählen. Den schönen Teil von früher. „2000 ist sogar Königin Beatrix hier gewesen. Darauf bin ich noch immer sehr stolz. Sie war so beeindruckt.“ Ich blicke vorsichtig über den Rand des Pavillons hinaus. Die Expo Plaza und das Messegelände erstrecken sich zu Füßen ihres heimlichen Königs. Am Horizont geht die Sonne unter. „Heute würde sie nicht hier heraufkommen.“ Widersprechen kann ich ihm nicht. Über Kieselsteinen und grünlichen Pfützen gammelt ein Steg vor sich hin. Er knarrt bedrohlich bei jedem Schritt. Früher das Parkett für die beste Aussicht, heute kaum mehr als morsches Holz.  Eine Etage tiefer trieft das Wasser vom Dach in einem finsteren Saal durch die Decke und trommelt auf einen Plastikkanister. Draußen zerrt der Wind an den Stahlseilen. Sie lösen sich mit metallischem Klappern aus seinem Griff.

 

„Der Dunkle Raum ist ein Kino gewesen. Sie haben Bilder aus den Niederlanden auf einer Leinwand gezeigt.“ Hier ist keine Leinwand mehr. Der Raum ist leer und taugt im Dämmerlicht eher zu einem Gruselkabinett. Aus einigen Wänden quillt die Füllung, von der Decke hängen Kabel. Mehr Offenheit wartet im abgeholzten Wald, nur ein Stock- werk weiter unten: Eine hohe Decke wird getragen von Baumstämmen. Trampelpfade führen zu den Treppen, Teile der Decke liegen im Dreck. Am Rand des Stockwerks wuchert Gestrüpp aus dem Sand. „Der Wald war viel dichter. Heute ist es kalt, wenn der Wind hier hindurch fegt. Aber was soll hier wachsen, wenn sich niemand kümmert?“ Er erwartet keine Antwort. Einige Betonwurzeln reichen nicht bis auf den Boden. Bedrohlich, wie der Schlund eines Raumschiffes, mit dem Menschen von der Erde gesogen werden sollen. Der Holländer lacht leise über meine Angst, dass der Betonklotz sich von der Decke lösen und mich unter sich begraben könnte. Als gäbe ihm mein Schaudern ein Gefühl alter Größe zurück. Unter den Wurzeln beginnt der Holländer wieder zu frösteln. So wie die Lichter der Straßenlaternen dringt der Wind durch die Ebene. Das blasse Gelb der Decke verschwindet in der Dunkelheit.

„Das Blumen-Stockwerk. Ein ganzes Meer aus Blumen war hier aufgebaut. Die Besucher sind hindurchgeschlendert, als wäre es ein echtes holländisches Tulpenfeld unter freiem Himmel.“ Nach einem Blumenmeer sieht der karge Betonsaal wirklich nicht aus. An einer Stelle sinkt der Boden ab und schlängelt sich abwärts. Die Lichter von draußen verschwinden hinter organisch geformten Betonbergen. „Dünen!“, korrigiert der alte Holländer mich. Ob richtige Dünen im Dunkeln auch so furchterregend sind? Der Durchgang am Ende des Pfades ist nicht mehr als ein schwarzes Loch. Scher- ben knirschen unter meinen Füßen. Ich stolpere über etwas, das wohl mal als Tür diente. „Ich wünschte, Sie hätten etwas mehr Respekt. Ich freue mich über Besuch, ich vermisse den Trubel von damals. Aber Sie soll- ten nicht alles zertrümmern.“ Er gähnt, bevor er weiterspricht. „Ich bin alt geworden und kann nur abwarten, ob mir ein neues Leben vergönnt ist.“Beim Weggehen mischt sich das Klappern eines Bauzauns in seine leise Stimme, übertönt sie schließlich. Ein Blick zurück, ein Winken zum Abschied: Abschied von einem verlorenen Alten, von einem bemerkenswerten Kunstwerk, in dem noch immer der Geist vergangener, größerer Zeiten spukt.

„Ich wünschte, Sie hätten etwas mehr Respekt.
Ich freue mich über Besuch, ich vermisse den Trubel von damals. Aber Sie sollten nicht alles zertrümmern.“

 

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