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Über Wachen und Schlafen

„Süßer Schlaf! Du kommst wie reines Glück ungebeten, unerfleht am willigsten“, schrieb einst Goethe. Gut zu schlafen ist Voraussetzung für unser körperliches und psychisches Wohlbefinden Dennoch wälzen sich Millionen Deutsche nachts im Bett und können nicht einschlafen –oder sie machen beim Schlafen komische Sachen wie röcheln, schnarchen, den eigenen Partner treten, sprechen, sabbern oder knirschen. Manche wandeln sogar im Haus oder im Garten umher, ohne es zu merken. Wenn der Wecker am Morgen schrillt, wachen sie wie gerädert und schlecht gelaunt auf. Doch was zeichnet einen gesunden, erholsamen Schlaf aus, und wie zeigt sich eine Schlafstörung? Um der Sache auf den Grund zu gehen, entschloss ich mich eine Nacht in dem Schlaflabor vom Lungenfacharzt Lutz Volgmann, in der Kopernnikusstr. 5 in Hannover zu verbringen.

Natali Dilmann kurz vorm Schlafen gehen. Die Messgeräte sind bereits angeschlossen

Am Sonntag vor dem Selbstversuch bin ich sehr aufgeregt und prüfe noch mal den Inhalt der Tasche. Habe ich wirklich nichts vergessen? Schlafanzug, Hausschuhe, Zahnpasta und Zahnbürste, das Buch und mein Kuscheltier. Ja, es ist alles da. Wie wird es wohl sein im Schlaflabor zu schlafen?

Am Montag begrüßt mich die Medizinstudentin Lutzi Milerski am Eingang des Schlaflabors. Ich bin sehr aufgeregt, aber auch darauf gespannt, was mich gleich er- warten wird. „Welche Patienten kommen in das Schlaflabor, um hier zu schlafen?“, fragte ich. „Zu den Patienten gehören unter anderem LKW-Fahrer, die unter Sekundenschlaf leiden und im Schlaflabor gründlich untersucht werden müssen, bevor sie ihrer Tätigkeit nachgehen können“, erklärt sie. „Mittels Sensoren werden Messparameter von Atmung, Kreislauf, Hirn-, Muskelaktivität, Augenbewegungen, Schlaftiefe sowie die nächtlichen Beinbewegungen, Atempausen (Apnoen), Schnarchen, Herzrhythmus und die nächtliche Funktion der Atmung abgeleitet“. Sie reicht eine Einverständniserklärung, mit deren Unterschrift der Patient versichert, dass sein Schlaf beobachtet und aufgezeichnet werden darf, um später darüber eine Diagnose treffen zu können. In dem Fragebogen wird gefragt: Empfinden Sie Ihren Schlaf als erholsam? Fallen Sie nachts aus Ihrem Bett? Ab wann fühlen Sie sich werktags wach und frisch? Und noch mehr Offen- barungen sind gefragt: zur beruflichen Situation, zu Ess-, Trink- und Rauchgewohnheiten, zum Gesundheitszustand, zu Schmerzen und sogar zu Albträumen.

Endlich führt mich Lutzi Milerski zu meinem Zimmer, dem Schlafraum Nummer 5. Weiß gestrichene Wände, ein schwarzer Fernseher, über welchen eine Kamera blinkt, ein Nachtisch mit einer Leselampe darauf, am Fenster das Bett mit weißen Lacken darauf und in einer Ecke ein Tisch mit zwei Stühlen. „Die Kamera wird deinen Schlaf filmen“, sagt die Medizinstudentin. Ein mulmiges Gefühl ist schon dabei. Auspacken. Zu guter Letzt kommt ein Buch auf den Nachtisch und mein Teddy auf das Bett. Gerade bin ich in meinen Schlafanzug geschlüpft – da kommt schon die Medizinstudentin wieder und schiebt einen Wagen mit Kabeln und Sensoren vor sich her

Auf der Station liegen weitere Patienten in ihren Betten. „Die meisten von ihnen haben nachts Atemaussetzer oder beschweren sich, dass sich nicht einschlafen können“, erzählt sie. „Beim Schlaf kommt es auf die Qualität an. Nur guter Schlaf ist auch erholsam“, sagt sie.

Mit einigen Tüchern reinigt die Medizinstudentin mein Gesicht von Make-Up-Resten. In den nächsten 45 Minuten, in denen ich brav da sitze, verkabelt sie mich von Kopf bis Fuß. So befinden sich nun Elektroden an meinen Schläfen, die jede Augenbewegung aufzeichnen. Weitere Elektroden werden hinter den Ohren, auf der Stirn, am Brustkorb angesetzt: Sie sollen meinen Herzschlag aufzeichnen. Auch der Bauch und die Schienbeine wer- den bestückt, damit die Schlafmediziner feststellen können, ob ich am Restless-Leg-Syndrom leide. Elektroden am Kinn halten über die Spannung der Kiefermuskeln Wache. Zwei Sensoren werdenschließlich als Krönung des Ganzen mit weißer Paste auf dem Kopf befestigen, um die Hirnströme zu messen. In meine Nase steckt sie einen dünnen Schlauch, eine Elektrode am rechten Zeigefinger misst Druck und Sauerstoffgehalt meines Blutes im Schlaf. Die ganzen Elektroden fühlen sich an meinem Körper sehr kalt und unangenehm an. Der Gurt, der obendrein um Oberkörper und Hüfte geschlungen wird, kann mich da schon nicht mehr erschrecken! Wie eine Kette wird ein Kästchen um den Hals gehängt, dieses dient als Sammelstelle für alle Kabel und Sensoren. Bewegen kann man sich so nur noch eingeschränkt, selbst sprechen kaum noch. Fasziniert betrachte mich im Badezimmerspiegel: Ich sehe wie ein Kabelbaum auf zwei Beinen aus!

Vor dem schlafen gehen, schaue ich mit den anderen verkabelten Patienten einen Spielfilm auf Kabel eins. Im Schlaflabor lassen sich überwiegend Männer behandeln.

Um 21:30 Uhr lasse ich mich ins Bett fallen. Gut, dass das Buch Schattenspiel von Charlotte Link bereit liegt! Aber selbst die Krimigeschichte kann mich nicht richtig fesseln. Nach einer Weile lege ich es wieder auf den Nachttisch und schaue stattdessen auf die Elektroden an meinem Körper. Sie sitzen superfest, also kann ich mich auch nach Belieben im Bett herumwälzen. Das Schlafen in Bauchlage wäre möglich, wenn nur das Kästchen auf der Brust nicht wäre. Das alles ist lästig, aber wer zwei Nächte bleibt – und das ist hier die Regel, werde sich daran gewöhnen, heißt es.

An der Tür klopft es. „Herein“, rufe ich. Die Medizinstudentin fragt, ob alles in Ordnung sei und wünscht mir „Gute Nacht“. Beim Verlassen des Raumes löscht sie das Licht, und nun leuchten im Dunkel die roten Augen der Infrarotkamera über dem Fernseher. In diesem Moment weiß ich, dass die Medizinstudentin vor dem Rechner sitzt und mich über eine Infrarotkamera beobachtet. Um mich von den Gedanken an die Kameraüberwachung abzulenken, versuche ich, eine angenehme Schlafposition zu finden. Dabei wälze ich mich ein wenig hin und her. Es ist fast unmöglich. Im eigenen Bett rolle ich mich normalerweise wie ein Embryo zusammen: Knie vor die Brust, Kopf ins Kissen. Dermaßen verkabelt geht das natürlich nicht. Der Gurt und die Sensoren an meinem Kopf drücken enorm. Also beschließe ich, mich auf den Rücken zu legen und an etwas Schönes zu denken. Und tatsächlich: Langsam scheint es zu funktionieren. Ich falle in einen unruhigen Schlaf. Ein paar Mal wache ich nachts wieder auf, um erneut einzuschlafen.
Ich träume. Zum Einschlafen, das werde ich morgen erfahren, habe ich 45 Minuten gebraucht.

Luzie Milerski und ihre Kolleginnen überwachen die Patienten die ganze Nacht.

Neben Kreislauf- und Hirnaktivität zeigt der Monitor auch Atemaussetzer an

Am nächsten Morgen weckt mich die Medizinstudentin um 5.00 Uhr und reißt die Vorhänge auf. „Wie hast du geschlafen?“ „In Ordnung“, nuschele ich vor mich hin und würde am liebsten die Augen erneut schließen. Doch sie ist unbarmherzig und beginnt mit der Abkabelung. Den Rest der klebrigen Masse muss ich mir vor dem Spiegel im Badezimmer selbst aus den Haaren pulen.

Nach einer Tasse starkem Kaffee fühle ich mich etwas munterer. Es folgt der nächste Fragebogen: Müdigkeit? – Ja. Gefühlslage? – Na, entsprechend. War der Schlaf erholsam? – Nein! Wann aufgestanden? – Zu früh!

Die Medizinstudentin bittet zur Befundbesprechung. Während der ganzen Nacht hat der Computer fleißig Daten aufgezeichnet und daraus Diagramme gemacht. Aus diesen ganzen Diagrammen kann der Arzt auf die Sekunde genau erkennen, wann die Atmung ausgesetzt hat, wie hoch der Sauerstoff im Blut war und in welchem Schlafzyklus sich der Patient befand. So gibt es Patienten, die nachts immer wieder länger als 15 Sekunden gar nicht atmen und es nicht merken. Am nächsten Morgen sind diese Apnoeker müde und kaum in der Lage, klare Gedanken zu fassen. Ich betrachte die unterschiedlichen Kurven, Linien und Graphen, die meinen Herzschlag und Blutdruck, Atmung und Bewegungen im Schlaf gemessen haben. Die Kurven und Diagramme zeigen deutlich: Ich habe viel mehr geschlafen als angenommen. Fünf Stunden und 45 Minuten. Mein Blick fällt auf das Video, das die aufgenommen hat und das nun am Monitor eingeblendet wird. Zum ersten Mal im Leben schaue ich mir beim Schlafen zu! Schon der Schnelldurchlauf meines Schlafvideos macht mich nervös: War da eine unnatürliche Bewegung zu erkennen, dort ein ungewöhnlicher Laut zu vernehmen? „Der Mensch durchläuft mehrmals pro Nacht alle fünf Schlafstadien hintereinander: die Einschlaf- und die Leichtschlafphase, zwei Tiefschlafphasen und den Traumschlaf – die REM-Phase, in der sich die Augäpfel schnell hin und her bewegen und in der das Gehirn ähnlich aktiv ist wie im Wachzustand. In der zweiten Hälfte der Schlafenszeit überwiegen die REM-Phasen, mit zunehmendem Alter reduzieren sich die Zahl und Dauer der Tiefschlafphasen“, wird mir erklärt. „Sie schnarchen nicht, bewegen die Beine kaum und atmen ruhig. Es ist alles in Ordnung. Der Schlafverlauf war zwar immer wieder unterbrochen, aber das ist der sogenannte First-Night-Effekt. Eine Apnoe wäre typisch für die REM-Phase. Zweitens müsste der Atem selbst für ein leichtes Schlafapnoe-Symptom zwischen 5 und 15 Mal pro Stunde aussetzen, erst darüber hinaus müsse es behandelt werden. Als Goldstandard bei der Behandlung der Schlafapnoe gilt die CPAP-Therapie mit einer Atemmaske, die nachts eine kontinuierliche Luftzufuhr gewährleistet.“ Mein Herz hat entspannte 53 Mal in der Minute geschlagen und der Sauerstoffgehalt im Blut lag bei 99 Prozent.

Im Gemeinschaftsraum warten die Schlafpatienten zusammen auf die Müdigkeit 

Doch was ist mit meinen Träumen? Gesunde Menschen, die nie träumen, gibt es nicht. Es ist nur individuell sehr verschieden, wie gut man sich daran erinnert. Ich träume normalerweise in Farbe und sehr lebhaft. Doch an meinen Traum erinnere ich mich nicht mehr – und die Sensoren können Träume nicht lesen. Der Computer ist für Träume blind.

Endlich raus aus dem Schlaflabor! Ich freue mich schon auf die nächste Nacht in meinem eigenen Bett! Ohne Kabel und ohne Überwachungskamera! Die anderen Patienten müssen noch ein bis zwei Nächte bleiben. Ich steige in die Bahn. In der Tasche den Polysomnographie- Report von letzter Nacht. Falls ich heute Nacht nicht schlafen kann, hab ich was zu lesen.

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