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Schlaflos

TEXT_Gabriela Jaskulla | FOTO_Paul Lovis Wagner und Rafael Heygster

Unerträglich laute Wimpern-

Schläge
Wie Taubenflügelspitzen
Die an Wände stoßen

Nachts
Das ist der Grund

Der

Schlaflosigkeit.

Na bitte. Geht doch. 8 Schwalben machen keinen Sommer, aber 8 Zeilen, 8 Verse mausern sich zum Gedicht. Das war natürlich mal länger. Es entsprach eigentlich der Dauer der Schlaflosigkeit. Immer war noch etwas zu ergänzen. Fiel noch etwas ein oder ab. Wie das so ist, wenn man sich im Bett hin- und herwälzt. Das mit dem Wälzen ist aber nur die eine, die bekannteste Seite der Schlaflosigkeit, sozusagen das Klischee. Schlimmer sind die anderen Phasen: Wenn man wie ein Stein im Bett liegt, unfähig, sich zu rühren, unfähig, endlich aufzustehen und sich ein Glas Wasser zu holen, obwohl man Durst hat, unfähig auch, mit der Faust gegen die Wand zu schlagen, damit die Hand wehtut und man endlich wieder etwas spüren würde – etwas, außer diesem Gefühl der Leere und tiefer, tiefer 

Hoffnungslosigkeit. Alle anderen schlafen ja, denkt man. Alle anderen geben sich ihren Träumen hin, verarbeiten das, was war und bereiten sich vor auf das, was kommt. Du aber bist die reine Gegenwart. Die reine Verzweiflung.

Du hast schon alles probiert: Tee, Wasser, kalt Duschen und warme Wickel. Honig, Milch und warmes Bier. Du hast dir alle Ratschläge aller kundigen Schläfer angehört und bist so selbst einer geworden: ein Schläfer bist du – in dem Sinne, in dem ein potentieller Attentäter ein Schlä- fer genannt wird. Denn auch du könntest rasen oder Amok laufen. Auch du kennst ja den Hass: auf alle, die vom gesunden Schlaf faseln – auf alle, die überhaupt schlafen, womöglich neben dir, leise röchelnd, zufrieden schmatzend, jede Faser ein dumpfer, zufriedener Säugling im

Schoss von Mutter Geborgenheit. Du bist unbehaust, gereizt, die Nerven sind nach ein paar Wochen oder Monaten zum Bersten gespannt. Alles nimmst du, obwohl

in einem Zustand permanenter Betäubung, überscharf und überlaut wahr. Du siehst, was andere nicht sehen, du hörst, was andere nicht hören. 

Lass deine Verzweiflung,

deine Härte

in ein Gedicht fließen oder

einen Song.

Lebe. 

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