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Nachtaktiv?

Nachts sind alle Tiger grau

Gegenüber des Meerschweinchengeheges steht eine Bank. An dieser kommen immer wieder Besucher vorbei, die das Gelände verlassen. Es wird still. Die tagwachen Tiere ruhen. Aber die Nacktaktiven? Im tiefen Schatten der Gebüsche glimmen Augen auf. Lautlos gleitet etwas zwi- schen Felsen hindurch und ist schon wieder verschwunden. Es faucht. Inzwischen ist die Sonne fast untergegangen. Vom Löwenfelsen her grollt es. Auf der Steppe schlagen Hufe über den Boden. Es wiehert. Dann wieder Stille. Schwere Stille die auf einem lastet. Jetzt ein Zwitschern. Ein zweiter Vogel stimmt ein, ein Dritter. Irgendwas tut sich doch da drüben?

Ist es das was wir erlebt haben?

Uns kommen noch vereinzelt Paare und Familien mit Kleinkindern entgegen. Wir kommen. Sie gehen. Überall auf dem Gelände des Zoos befinden sich versteckt und gut in die Kulisse eingebaut Lautsprecher. Man sieht sie nicht. Hört sie nur. Urwaldgeräusche. Der Weg führt uns zuerst zum Urwaldhaus. Hier leben die Faultiere, die Orang-Utans und die Kapuzineräffchen.Ich werfe mich gegen die Tür auf der dick „DRÜCKEN“ steht. Probiere es dann nochmal mit Ziehen. Aber die Tür lässt sich nicht öffnen. Es ist abgeschlossen. Die erste Enttäuschung keimt langsam auf. Wir setzten unseren Weg fort und gelangen, durch eine kleine Abkürzung zum Tropenhaus. Wie Schatten fliegen hier die Gebirgsloris frei herum, die Schildkröten schwimmen in ihrem kleinen Teich und verschiedene Reptilienarten haben hier ihre Aquarien. Kurz durchatmen, dann kräftig gegen die Tür drücken. Sie ist offen. Eine schwere, feuchtwarme Luft schlägt uns entgegen. Das Atmen fällt schwer. Dazu kommt das der Vogelkot der überall auf dem Boden zu sehen ist und- einen Geruch nach faulen Eiern verströmt. Es ist schummrig. Die Lichter der Aquarien sind aus. Nur durch ein Dachfenster kommt noch ein Rest der Abenddämmerung herein. Vereinzelt kreischt ein Lori. Sehen tut man sie nicht. Sie haben sich in den dichten Bäumen versteckt. Hinten heraus geht es direkt auf das Außengehege der Kattas zu, deren Markenzeichen der lange schwarz-weiße Ringelschwanz ist. Doch auch die Kattas sind nicht zu sehen. Wir kommen grade bei den Löwen an als sich der Himmel entlädt. Ein kräftiger Schauer lässt nicht nur uns, sondern auch die beiden Löwen Schutz vor den Regen suchen. Unter dem Schutz des Felsvorsprungs lassen sich die beiden hinsacken. Sie dösen weiter. Lassen sich nicht stören.

Wir nehmen unseren Rundgang wieder auf.

Die Kamera ist bereit. Doch abwesende Tiere sind kein Motiv. Wir treffen allerdings auch auf aktive, für die wir allerdings nicht in den Zoo hätten kommen müssen. Enten kreuzen des Öfteren unseren Weg. Zwei Schneeeulen sitzen auf ihrem angestammten Platz. Es gab wohl schon Futter. Ein goldgelbes Küken mit gebrochenem Genick liegt unbeachtet auf der Erde. Die Schneeulen interessiert das nicht. Sie drehen weiter ihre Köpfe um 180 Grad. Im indischen Teil des Zoos, am Elefantenhaus, hat der Wind aufgefrischt. Die vielen Wimpelketten flattern hörbar. Es kühlt ab. Die Dämmerung hat eingesetzt. Es wird langsam Dunkel. Für die Elefanten scheint es zu kalt zu sein. Von ihnen ist keine Sapur zu sehen. Dabei sind sie doch Dickhäuter. Es wird langsam Dunkel. Durch eine Scheibe versuchen wir den Sibirischen Tiger zu finden. Als wir gerade aufgeben wollten, entdecken wir ihn doch. Laut Infoschild sind Tiger Dämmerungsaktiv. Dieser döst aber vor sich hin. Bewegt sich nur um die perfekte Schlafposition zu finden. Doch eher Kätzchen als Raubkatze. Nachts sind alle Katzen grau. Tiger sind halt nur große Katzen.

Drei graue Nilpferde ziehen im Außengehege ihre Bahnen. Tauchen immer wieder unter und sind nicht mehr zu sehen. Es verwundert, dass sich so riesige Tiere so elegant unter Wasser bewegen können. Es ertönt ein knartschen. Eine Luke öffnet sich und die grauen Nilpferde tauchen wieder auf. Wenn sie ihre Köpfe aus dem Wasser strecken, wackeln sie mit den Ohren und kleine Wassertropfen fliegen durch die Luft. Sie trampeln Richtung Luke und verschwinden nach Drinnen, wo sie die Nacht verbringen. Vom Wegrand her wirft eine Laterne schummriges Licht ins Wolfsgehege. Da bewegt sich etwas im Gebüsch. Im tiefen Schatten glimmen Augen auf. Etwas gleitet Lautlos zwischen Ästen und Zweigen hindurch, grau und schmal, verharrt einen Moment und ist schon wieder verschwunden.

Ist es das, was wir zu erleben erhofft haben?

Nicht ganz. Aber inzwischen belehrt. Denn dieser Lebensort scheint im Licht der abendlichen Begehung, keine Wildnis zu sein, sondern ein gelungenes Beispiel für Integration. Löwe und Tiger. Zebra und Bär. Affe und Antilope. Zuwanderer aus Afrika, Südamerika und Asien, sind Hannoveraner geworden. Haben sich an den Regen gewöhnt und an das frühzeitige Zubettgehen.

Selbst die Meerschweinchen gegenüber der Bank sind nicht mehr zu sehen. Sie haben sich in ihre Häuser verzogen.

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