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In einem anderen Licht

Lachend tritt Jan-Philippe Lücke aus der Tür. Während er spricht, reißt er die Augen weit auf. Er ist groß und schmal, trägt Brille und Cappy. Die Tür des Ein-Zimmer-Apartments steht offen und seine Freundin grüßt von der Couch aus mit einem Lächeln. Es duftet nach angebratenem Gemüse und zu viel Öl, die Beiden sind gerade beim Abend- essen. Er bietet roten Wein an, der durch neongrüne Plastikbecher leuchtet und schnell herrscht eine recht vertraute Atmosphäre. „Ich arbeite eigentlich immer in meiner Wohnung und male in Intervallen. Es gibt Wochen und Monate, da male ich gar nicht und dann gibt’s ein Wochenende oder eine Woche, da male ich fünf Bilder auf einmal.“
Die Wände werden von seiner Kunst beherrscht. Auf dem Tisch befinden sich geöffnete Farbtuben und Pinsel in Tontassen. Es riecht nach Rauch. Überall liegt lirgendetwas herum, dass gesehen werden will. Flyerstapel von seiner aktuellen Vernissage, bemalte Zettel und ein Flaschenöffner in Penisform.

Jan-Philippe Lücke, 28 Jahre alt, freier Künstler, malt, fotografiert, dreht Filme und hat schon ein paar seiner Werke verkauft.
Leben kann er von seiner Kunst jedoch nicht. Zurzeit macht er eine Ausbildung zum Bürokaufmann. „Da bin ich angenehm unterfordert und habe gleichzeitig genug Zeit meine Sachen zu machen. Das ist ganz praktisch so.“

Sein Wecker klingelt regelmäßig um sechs Uhr dreißig. Doch er komme mit vier Stunden Schlaf aus und sei um neun Uhr abends noch längst nicht müde, erzählt er grinsend. Während des Gesprächs nimmt Jan den ganzen Raum ein. Mal sitzt er auf der Couch, dann steht er vor der Fensterfront, be- vor er sich zwischen seinen Bildern hin und her bewegt und dabei wild mit den Armen in der Luft gestikuliert. Während er lacht, mindestens einmal pro Satz, scheint sein rechte Backenzahnlücke wie ein schwarzes Quadrat hervor.

Im Hintergrund läuft elektronische Tanzmusik, seine Stimme folgt dem Rhythmus und seine Themeninhalte mischt er bunt, wie die Farben in seinen Bildern. Plötzlich wird er ruhiger: Gespräche über die Nacht, die scheinbar eine ganz besondere Zeit für ihn darstellt.

„Die Nacht ist die produktivste, schönste, klarste und reinste Zeit des Tages. Ich bin nachts immer wacher als tagsüber. Ich bin ein Großstadtmensch und die Stadt hat nachts ein besonderes Flair. Man sieht die Menschen auch in einem ganz anderen Licht, dass ist für mich als Künstler sehr inspirierend.“

„Die Nacht ist die produktivste, schönste, klarste und reinste Zeit des Tages. Ich bin nachts immer wacher als tagsüber. Ich bin ein Großstadtmensch und die Stadt hat nachts ein besonderes Flair. Man sieht die Menschen auch in einem ganz anderen Licht, dass ist für mich als Künstler sehr inspirierend.“

Die Großstadt, die Menschen und die Nacht sind Themen, die in seinen Kunstwerken sichtbar werden. Manche Menschen bezeichnen seine Bilder liebevoll als dunkel und dreckig, was seiner Meinung nach die Nacht charakterisiert. Er malt gerne Fremde, Freunde und auch sich selbst hat er bereits porträtiert. Am Tag wird die Saat gesät und in der Nacht gearbeitet.

„Ich fahre tagsüber unglaublich gerne U-Bahn und male ‚Krickelbilder‘ in denen man ganz viele Gesichter erkennen kann. Oder wenn man durch die Masse am Hauptbahnhof mit einer Videokamera läuft, später dann alle zehn Sekunden ein Standbild macht – jedes Bild auf fünf Meter vergrößert, das wäre das pure Universum.“ Und wieder wurde eine neue Idee geboren. Seine Kreativität sprudelt aus ihm heraus und ist ansteckend wie ein Streichholz. Schon als Kind kamen ihm die besten Ideen immer dann, wenn er ins Bett musste. Morgens in der Schule war er müde und zu nichts zu gebrauchen. Während er sich erinnert, schweift sein Blick aus dem Fenster. In der nächsten Sekunde spricht er weiter ohne Punkt und Komma.

Er erzählt von einem gesuchten Mann aus Hannover, der Frauen zerstückelt und in Mülltüten verpackt hat und das er ein Bild davon malen will. Er spricht vom Ihmezentrum, indem sich seine Wohnung befindet. Einmal hat er gesehen, wie eine Frau mit einem Hund unter dem Arm aus einem Fenster gesprungen ist und direkt vor einem Fahrradfahrer landete. Er verarbeitet Beobachtetes und Erlebtes in seiner Kunst und die Stadt stellt die passende Filmkulisse für ihn dar.

Es klopft an der Tür und ein Freund, den Jan zuvor angekündigt hat, tritt mit einer Bohrmaschine in der Hand ins Wohnzimmer ein. Er grüßt freundlich und zündet sich eine Zigarette an. Die Beiden wollen etwas für die nächste Ausstellung vorbereiten. Jan will Holzstücke von dem kaput- ten Lattenrost seiner Freundin Amy aneinander bohren und bemalen. Sie steht schmunzelnd in der Küche und backt eine Schokokusstorte. Während sein Freund bohrt und der Lärm uner- träglich durch die Wohnung dröhnt, schwärmt Jan schreiend weiter. Von der Nacht, von seiner Fensterfront mit Blick auf die belebte Limmer- straße und von der Kunst, die überall zu sehen ist. „Kunst ist etwas ganz natürliches und orga- nisch wachsendes. Das kommt nach und nach aus mir heraus und entwickelt sich immer weiter.“ Kunst hat eine sehr große Bedeutung für ihn. Er beschreibt den Drang sich auszudrücken, als zwingend notwendig. Er kann nichts dagegen tun, außer es einfach zu tun. Jan lebt seine Kunst und muss das machen, was ihn bewegt, sonst hört sein Lachen auf.

Jetzt sind auch die Weinflaschen leer.

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