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Die Konkurrenz schläft nicht

Tag für Tag und Nacht für Nacht ziehen Menschen in der ganzen Republik durch die Straßen der Städte um von dem zu leben, was andere wegwerfen. Eine Reportage über einen Pfandsammler und seinen Beruf.

Freitagnacht, halb vier in der Calenberger Neustadt. Während draußen feiernde Jugendliche und Studenten von Club zu Club und von Kiosk zu Kiosk ziehen, zieht Alessio Rutica in einer Hinter- hofgarage Bilanz: „Für einen Freitag bin ich sehr zufrieden“, sagt er und zieht an seinem Cigarillo. Während der blaue Dunst langsam die Garage, füllt schaut er sich um. Die letzte Fuhre Flaschen hat er bereits in seine Kisten einsortiert, das Wägelchen für Glasflaschen, und die daran hängenden Tüten für Plastikflaschen und Dosen warten auf ihre nächste Runde. Im hinteren Teil der Garage türmen sich die Glasflaschen. Sie sind kompakt gepackt – in Kartons, so hoch gestapelt wie ihn seine kleine Trittleiter bringt. Oben drauf liegen die deutlich leichteren Säcke mit PET-Flaschen. Aus dem alten Radio klingen im Nachtprogramm Hits aus den 70er und 80er Jahren. Alessio Rutica ist Ende 50 und alleinstehend. Bevor er weiterzieht löst er noch die Beutel mit Pfand vom Vormittag von seinem Roller und stellt sie in die Garage „Ich habe heute Morgen schon die Haltestellen der gesamten Linie 5 aufgeräumt“, verkündet er. „Aufräumen“, so nennt er seine Tätigkeit, das Pfandsammeln, das er wie einen Full-Time-Job betreibt.
Der Hartz-4-Empfänger spanischer und italienischer Abstammung sammelt seit Jahren auf den Straßen Hannover Pfandflaschen, um seinen Lebensunterhalt aufzubessern. „Viel rum kommt dabei nicht. Unter der Woche 5 bis 7 Euro am Abend, am Wochenende auch mal 30. Aber wenn ich das Wägelchen zweimal vollkriege bin ich schon zufrieden“, so fasst er seine Lage zusammen. Sein Lebensunterhalt ist durch Sozialleistungen im Grunde gedeckt, das Sammeln ist wie bei vielen „Kollegen“ eher eine Ersatzbeschäftigung, die einen geregelten Tagesablauf bietet. Mittags aufstehen und mit dem Roller die Haltstellen abfahren, Flaschen sortieren, Abendessen – und dann raus auf die Straßen. Dabei hat er eine feste Route, die er pro Nacht einige Male abläuft.

„Viel rum kommt dabei nicht. Unter der Woche 5 bis 7 Euro am Abend, am Wochenende auch mal 30.“

Nachdem er das schwere Eisentor zum Hinterhof geschlossen, hat schaut sich Alessio zunächst vor seiner Haustür um: Rund um die Haltestelle Goetheplatz sind immer viele Leute unterwegs. Schnell hat er drei Flaschenzusammen und freut sich über eine Dose, die hinter einer Ecke liegt. „Kein Pfand…“, murmelt er gleich darauf enttäuscht und wirft sie in den nächsten Mülleimer. Auf den Straßen liegen immer mehr importierte und nicht deklarierte Einwegdosen und -flaschen herum, die nicht die deutschen Pfandlogos haben und somit für Alessio wertlos sind. Auf dem Weg Richtung Glocksee kommen ihm zwei junge, stark geschminkte Frauen entgegen. Sie begrüßen ihn fröhlich. „Ich habe noch Flaschen oben bei mir, komm‘ doch einfach morgen in meinem Zimmer vorbei, ich habe jetzt Feierabend.“ Nach etwas Smalltalk bedankt sich Alessio viele Male auf seine demütige Art, so, wie er es immer tut. Welches Zimmer sie meint, wird schnell deutlich, als er kurze Zeit später in den selben Hinterhof verschwindet und vor dem Bordell in der Braunstraße 8 mit seinem Stab Energydrinkdosen und leere Bierflaschen aus dem Müllcontainer fischt. „Meinen Stock habe ich immer dabei, sonst komme ich da unten nicht ran.“ Ebenfalls immer dabei, und sein wichtigstes Werkzeug, ist seine kleine Taschenlampe. Nach dem Verlassen des grauen Innenhofs scannt er die Bürgersteige und die Plätze zwischen den Autos systematisch mit der Lampe. In einer Seitenstraße auf dem Weg zum beliebten Café Glocksee ertönt ein heller Pfiff. Alessio schaut sich kurz verwirrt um und entdeckt dann einen Autofahrer, der mit einer leeren Flasche winkt. Alessio geht rüber und nimmt dankbar eine Reihe verschiedener Energydrinkdosen und Biermischgetränken aus dem Auto entgegen. Man kennt sich unter den Nachtschwärmern. „Letzte Tage hat ein Russe mir alle seine leeren Flaschen aus dem Auto gegeben. Als er mich fragte, wie lange ich noch arbeiten würde und ich ‚sechs oder sieben Uhr‘ antwortete, drückte er mir 20 Euro in die Hand und sagte, ich solle Feierabend machen. Habe ich natürlich nicht gemacht, aber das war ein guter Abend.“

Die Plätze um Großveranstaltungen und Diskos meidet er in der Regel. Zum einen ist die Konkurrenz zu groß, zum anderen will er seine Ruhe haben und Leute kennenlernen. „Da gibt es diese eine Frau vor der Glocksee, die reißt den Leuten die Flaschen beinahe aus der Hand. Die sammelt zwar auch sehr viel an ei- nem Abend, aber das ist nichts für mich. Ich möchte mich gerne unterhalten mit den Leuten.“ So zieht er einsam weiter bis zum nächsten Kiosk, der genau auf der Mitte seiner normalen Route liegt. Hier macht er eine Pause, raucht, isst etwas oder trinkt ein Bier. Essen und Trinken tut er allerdings, nur wenn es für ihn bezahlt wird, er wohnt ja um die Ecke und jede Ausgabe draußen würde seine Ausbeute schmälern. Alkohol trinkt er während der Arbeit auch nur in Ausnahmefällen, er will klar im Kopf und konzentriert bleiben. Wieder pflückt er einen Cigarillo aus der Schachtel und schaut sich qualmend um. Auf der anderen Straßenseite zieht eine ältere Dame mit ihrem Wägelchen vorbei – Konkurrenz. „Die ist mir egal, sie will ja auch nur leben. Finde ich etwas bin sehr zufrieden, finde ich nichts, bin ich auch zufrieden.“ Nachdem er einige Worte mit anderen Kunden ausgetauscht hat, zieht er wieder los, die Königsworther Straße hoch bis zur U-Bahn. Die Ausbeute hier ist enttäuschend, in der Station liegen nur zwei Flaschen in den Mülleimern, an der Straße vier. Mit gerunzelter Stirn schaut er im Schein der Neonröhren in sein Wägelchen. „Bis jetzt bin ich eigentlich sehr zufrieden, aber hier hatte ich auf mehr gehofft…“ Er nimmt den Aufzug zur Straßenebene und tritt langsam den Rückweg an. In einem Mülleimer entdeckt er rund ein halbes Dutzend leerer Red Bull-Dosen, die von Partygängern weggeworfen wurden. „Jetzt wird es doch ein guter Abend!“, nuschelt er strahlend in seinen Bart.

„Als er mich fragte wie lange ich noch arbeiten würde und ich ‚sechs oder sieben Uhr‘ antwortete, drückte er mir 20 Euro in die Hand und sagte ich solle Feier- abend machen. Habe ich natürlich nicht gemacht, aber das war ein guter Abend.“ 

Erleichtert durch diesen Fund macht er sich auf den Weg zu seinem Stammkiosk.

Die Kundschaft hier hat sich in der letzten halben Stunde kaum verändert und Alessio begrüßt die Neuankömmlinge mit seiner sonnigen Art. Im Gesprächvor der Tür nimmt er den Rauchern gerne die leeren Flaschen ab, er hat vom Kioskbesitzer die Erlaubnis bekommen, an anderen Kiosken würde er vertrieben werden.

Nach knapp 20 Minuten hat sich der Wagen auf ein akzeptables Level gefüllt und Alessio beschließt, die Tour zu beendet. Er verabschiedet sich höflich von den Gästen und läuft die Braunstraße runter Richtung Heimat. Auf dem Weg findet er noch einige wenige Dosen, bevor er mit prall beladenen Tüten und dem vollen Wägelchen das schwere Eisentor aufschließt. Im Radio laufen grad die Sechs-Uhr-Nachrichten, und Alessio begutachtet die Ausbeute. „Das war ein sehr guter Tag, ich bekomme nur langsam Platzprobleme…“ Die Nebengarage hat bereits angemietet, außer dem Roller hat er allerdings aktuell kein Fahrzeug zur Verfügung. Und dann stehen auch noch die großen Festivals vor der Tür, wo er unter der Hand arbeitet und im Anschluss die Zeltplätze „aufräumt“. Allein diese Aktion kann schon die halbe Garage füllen. Die Gedanken werden auf morgen verschoben. Ein Nachbar hat etwas zu Essen über und Alessio freut sich auf ein paar Worte und eine warme Mahlzeit mit ihm. Nach rund 17 Stunden ist sein Tag zu Ende. Allessio schaltet das Radio aus, winkt zum Abschied und schließt das Garagentor von innen. Als es den Boden erreicht, wird er von Dunkelheit verschluckt.

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